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Geist gegen Geld - Über Sinn und Unsinn von Studiengebühren

Studiengebühren

Befürworter der Studiengebühren argumentieren folgendermaßen:

  1. Die Hochschulen benötigen dringend Geld, und da die öffentlichen Kassen leer sind, gibt es nur die Möglichkeit, dass die Studierenden für das Studium einen finanziellen Beitrag leisten, der den Hochschulen zugute kommt.
  2. Wenn die Studenten für ihr Studium zahlen, gelten sie zugleich als Kunden. Als Kunden haben sie einen größeren Einfluss als bisher auf die Qualität dessen, was ihnen geboten wird.
  3. Das vermutlich gewichtigste Argument lautet: Es ist sozial gerecht, wenn Studenten für ihr Studium bezahlen, weil sie von ihrer Hochschulausbildung später ja auch beruflich und vor allem finanziell profitieren.

Alle drei Argumente erweisen sich jedoch bei näherer Betrachtung als nicht haltbar. Die erste Behauptung, Hochschulen bekämen zusätzlich mehr Geld, trifft nicht zu, wie ein Blick auf Länder, in denen Studiengebühren schon eingeführt wurden, zeigt. Denn der Staat reagierte in der Folge immer mit der Reduzierung der öffentlichen Zuschüsse. Letztendlich bleibt für die Hochschulen also kein Gewinn. Zuletzt war das in Österreich der Fall, aber auch in Australien oder Großbritannien - überall ist dasselbe Phänomen zu beobachten. Der Staat nutzt indirekt die Studiengebühren dazu, um sein eigenes finanzielles Engagement zurückzufahren. In Deutschland müssen wir ohnehin vorsichtig sein, denn schon jetzt soll ja rund ein Drittel der eingenommenen Gebühren eben nicht den Hochschulen zur Verfügung gestellt werden: In den meisten Hochschulgesetzen, die im Moment verabschiedet wurden und werden, gilt die Regel, dass aus 25 Prozent der eingenommenen Gebühren Rücklagen gebildet werden sollen, um die Kreditrisiken abzusichern, weil man ja versprochen hat, die Gebühren sozial abzusichern durch relativ billige Studienkredite; dieses Risiko müssen nicht die Banken übernehmen, die Kredite zur Verfügung stellen, das müssen die Hochschulen tragen, indem sie einen extra Topf dafür bilden müssen; und 8 Prozent der Gelder sollen der Verwaltung zukommen. Wenn schon jetzt feststeht, dass ein Drittel der Studiengebühren den Universitäten nicht zur Verfügung steht, sollten wir nicht allzu hohe Erwartungen haben. Außerdem: Es ist nach den Erfahrungen in anderen Ländern damit zu rechnen, dass nach kurzer Anfangsphase von zwei bis drei Jahren, in denen die Hochschulen vielleicht wirklich mehr Geld zur Verfügung haben, der Staat dann so viele Zuschüsse streicht, dass von zusätzlichen finanziellen Ressourcen keine Rede mehr sein kann.

Auch das zweite Argument, der Student wird zum zahlenden Kunden, der mehr Einflussmöglichkeiten auf die Lehre hat, trifft nicht zu. Eigentlich stellt man sich das ja so vor: Wenn wir als Kunden in einen Laden gehen, um z. B. ein Auto zu kaufen, und uns gefällt das Angebot dort nicht, gehen wir woanders hin. So funktioniert das aber bei Studenten nicht. Denn deren Auswahlkriterien für eine bestimmte Universität sind ganz andere, wie viele Umfragen zeigen: Sie studieren am liebsten dort, wo die Freunde wohnen, die Familie, wo sich das soziale Umfeld befindet. Im Studiengang Soziologie an der TU Darmstadt z. B. kommen etwa drei Viertel der Studierenden aus maximal 50 km Entfernung. Die finanziellen Aspekte spielen dabei eine vergleichsweise geringe Rolle, wenn überhaupt, dann höchstens insofern, dass man noch zu Hause wohnen kann, was billiger ist. Das wird sich auch mit Studiengebühren von 500 Euro nicht ändern. Deswegen verlangen alle Präsidenten der führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute auch Semesterbeträge von mindestens 2.500 Euro mit dem Argument, dass erst ab dieser Summe überhaupt von Marktsteuerungsmechanismen auszugehen ist. Viele Universitäten wünschen sich noch höhere Gebühren. In den USA gibt es Gebühren von 10.000, 20.000 oder 30.000 Euro, bei solchen Gebühren kann man wirklich schon von einem „Kundenstudi“ reden, aber nicht bei Gebühren in Höhe von 500 Euro.

Zweitens kann man sich bei solchen Beträgen, wie sie in Deutschland vorgesehen sind, durchaus vorstellen, dass es für die Universitäten, insbesondere für die forschungsstarken, vermutlich reizvoller ist, die Anzahl der Studierenden deutlich zu reduzieren und auf einen gewissen Betrag dann zu verzichten. Warum, will ich an einem ganz simplen Beispiel dokumentieren: Die TU Darmstadt hat knapp 18.000 Studierende. Angenommen, diese 18.000 Studenten würden alle ihre vollen Studiengebühren zahlen, es gibt ja Ausnahmeregelungen, die von Land zu Land unterschiedlich sind, mal werden die Bafög-Empfänger ein bisschen begünstigt, mal sind es die mit vielen Kindern, mal gibt es welche mit Kindern unter zehn Jahren, da gibt es keine einheitliche Regelung, aber wenn man jetzt mal sagt, all das lassen wir außen vor, wir gehen davon aus, alle diese 18.000 Studierenden zahlen voll, dann käme eine Summe von 18 Millionen Euro pro Jahr zusammen. Davon ein Drittel abgezogen, wie oben beschrieben, bleiben 12 Millionen. Der Etat der TU Darmstadt besteht zu 80 Prozent aus staatlichen Zuweisungen in Höhe von ungefähr 180 Millionen, dazu addieren sich zwischen 50 und 60 Millionen Euro an Drittmitteln. Nehmen wir an, die TU Darmstadt würde sagen, wir verzichten auf zwei dieser 12 Millionen Einnahmen durch Studiengebühren, und wir können dafür aber entsprechend ein sechstel unserer Studierenden nach Hause schicken, das wären also 3.000 Studenten weniger – ich vermute, dass viele Universitäten in Zukunft mit dieser Möglichkeit spielen werden. Das gilt nicht nur für die TU Darmstadt, sondern durchweg für alle Universitäten, die sich im Rahmen des Exzellenzwettbewerbs als besonders forschungsstark profilieren wollen. Zwei Millionen Euro ist ein Betrag, den man relativ leicht über Drittmittel wieder hereinbekommen kann. Und 3.000 Studierende weniger schafft Freiräume für Forschung . Wir können also sagen, die Studierenden wären zwar Kunden, aber Kunden, die insbesondere die leistungsstarken, auf Forschung konzentrierten Universitäten gar nicht haben wollen.

Somit ist das Argument „der Student als Kunde“ meines Erachtens nicht haltbar.

Die dritte und wichtigste These, über die sicherlich auch noch am meisten diskutiert werden muss, ist die der sozialen Gerechtigkeit. In der Presse wird immer wieder folgendes Beispiel vorgebracht: Die Tochter des Werkzeugmachers oder der Friseurin kann nicht auf die Universität, trotzdem tragen die Steuern ihrer Mutter oder ihres Vaters dazu bei, dass der Sohn eines Arztes studieren kann. Also ist es doch nur gerecht, so das Argument, wenn diejenigen, die davon profitieren, auch selber dafür zahlen, wenn der Arztsohn eben Gebühren zahlt.

Schon auf den ersten Blick erkennt man zwei Argumente, die dagegen sprechen: Wenn man sich erstens anschaut, ab welchem Betrag zurückgezahlt werden soll, so ist das ein Betrag von 1.060 Euro Netto-Monatseinkommen, das ist ein Einkommen, das knapp über der offiziellen Armutsgrenze liegt; das heißt, jeder zahlt zurück, der etwas mehr verdient, als durch die offizielle Armutsgrenze festgelegt wird. Also nicht nur diejenigen müssen zurückzahlen, die wirklich im Beruf vom Studium profitieren, sondern tatsächlich wird es fast jeder ehemalige Student und jede ehemalige Studentin sein. Zweitens haben genau die Politiker, die das soziale Argument jetzt in den Vordergrund rücken, kontinuierlich die Steuersätze für diejenigen, die wirklich vom Studium profitieren, nämlich für die Gut- und Hochbezahlten, in den letzten Jahren gesenkt. Der Spitzensteuersatz ist ja nun um über 10 Prozent reduziert worden, und diejenigen, die die Spitzensteuersätze zahlen, sind zu über 90 Prozent Akademiker. Es wäre also logisch und einfacher, die Spitzensteuersätze wieder auf das frühere Niveau anzuheben, so dass genau die Gruppe, die später von ihrem Studium profitiert, es auch tatsächlich finanziert.

Australien kann uns hier als Beispiel dienen: Anfangs mussten dort nur diejenigen zurückzahlen, die vergleichsweise viel verdient hatten und sich im oberen Drittel der Einkommen bewegten. Über die Jahre hat sich das aber verändert, und in der Zwischenzeit zahlt man auch dann zurück, solange man nicht zum unteren Drittel gehört. In Deutschland könnte es zu einer ähnlichen Entwicklung kommen. Die Kassenlage der öffentlichen Haushalte veranlasst die Finanz- und Wissenschaftsminister dazu, jede Möglichkeit auszunutzen, die sich bietet. Und ist so ein System erst einmal eingeführt, gibt es im Grunde überhaupt keine größeren Hindernisse mehr, die jeweiligen Bemessungsgrößen zu verändern. Das weiß jeder, der die Geschichte des Bafög über die letzten Jahrzehnte verfolgt hat.

Was langfristig auf unsere Studentinnen und Studenten zukommen wird, lässt sich wohl am besten an den USA illustrieren. Die USA gelten gerade für diejenigen, die die soziale Gerechtigkeit von Studiengebühren betonen, ja immer als Musterbeispiel. In den USA werden seit Jahrzehnten Studiengebühren erhoben in einer Höhe wie in keinem anderen Land. An den Elite-Universitäten werden Gebühren von 30.000 bis 35.000 Dollar pro Jahr für die Bachelor-Studiengänge und bis über 50.000 Dollar für die Master-Studiengänge bezahlt. Das sind natürlich Beträge, von denen wir in Deutschland meilenweit entfernt sind, aber interessant ist, warum in diesem Zusammenhang gerade die USA immer als Beispiel für soziale Gerechtigkeit genannt werden.

Es gibt zwei Argumentationsmuster. Das erste bezieht sich auf die gesamte amerikanische Hochschullandschaft, und es lautet: An den USA kann man sehen, dass Studiengebühren keine abschreckende Wirkung haben, dass trotz Studiengebühren junge Menschen gerade auch aus den bildungsschwachen bzw. bildungsfernen Schichten an den Hochschulen ein Studium beginnen. Das zweite Argument: An den Elite-Universitäten tragen die Reichen dadurch, dass sie die vollen Studiengebühren für ihre Kinder zahlen, dazu bei, dass auch die sozial Schwachen dort studieren können, indem sie mit ihren hohen Gebühren die Stipendien für die „armen“ Studenten finanzieren. In der angelsächsischen Presse ist vom „Robin-Hood-Principle“ die Rede: den Reichen nehmen, den Armen geben. Das hört sich zwar alles ganz prima an, beiden Argumentationen muss aber widersprochen werden. Denn die Realität sieht ganz anders aus.

Ich gehe zunächst auf die gesamte amerikanische Hochschullandschaft ein: Es ist richtig, dass in den USA im Vergleich zu Deutschland ein großer Prozentsatz einer Generation ein Hochschulstudium beginnt und auch wirklich abschließt. Das Studium ist dort anders organisiert, zwischen Beginn und Abschluss liegt oft eine größere Zeitspanne, weil es viele Teilzeitstudierende gibt in den USA, die neben ihrem Beruf studieren. Der Prozentsatz der Schulabgänger, die studieren, ist in den USA deutlich höher als bei uns. Es ist auch richtig, dass ein hoher Anteil von jungen Leute gerade aus den sozial schwächeren Schichten ein Studium beginnt. Auch das scheint gegenüber Deutschland ein Vorteil zu sein. Wenn man das amerikanische Hochschulsystem aber genauer betrachtet, wird man feststellen, dass man Äpfel mit Birnen vergleicht, denn es ist grundlegend anders strukturiert als unser deutsches System. In den USA gibt es über 4.000 Hochschulen, davon sind knapp die Hälfte, 1.800, sogenannte Zwei-Jahres-Colleges, Two-Years- Colleges oder Community-Colleges, an denen man ein Wissen erwirbt, was ungefähr vergleichbar ist mit dem Wissen, das man sich in Deutschland an einer gymnasialen Oberstufe oder zum Teil auch nur an der Oberstufe einer Fachoberschule aneignet. Das heißt, das hat mit dem, was wir in Deutschland unter Hochschule verstehen, nichts zu tun.

Von den verbleibenden gut 2.000 Hochschulen sind mit unseren Universitäten ganze 150 vergleichbar. Das sind jene Hochschulen, an denen nicht nur vier Jahre lang studiert wird, sondern an denen man auch promovieren kann und an denen auch geforscht wird. Diese 150 Hochschulen unterscheiden sich von den anderen Einrichtungen in den USA also in zweierlei Hinsicht: es wird geforscht und es wird promoviert, und zwar müssen dort innerhalb von drei Jahren mindestens 50 Promotionen stattfinden. Das erreichen in Deutschland selbst Provinz-Universitäten binnen eines Jahres problemlos. Nun sind amerikanische Promotionen etwas anspruchsvoller als deutsche, trotzdem kann man diese 150 Hochschulen schon mit den deutschen Universitäten vergleichen. Weitere 250 Hochschulen in den USA sind in etwa mit den deutschen Fachhochschulen vergleichbar. Man darf also, um einen wirklich sinnvollen Vergleich vornehmen zu können, nur diese beiden Gruppen berücksichtigen, und dann wird man feststellen, dass die soziale Zusammensetzung an diesen Hochschulen enorm unterschiedlich ist. Die „untere“ Hälfte der amerikanischen Bevölkerung schickt ihre Kinder zu 50 Prozent auf die Zwei-Jahres-Einrichtungen. Auf die hochangesehenen und guten Vier-Jahres-Privatuniversitäten gehen gerade mal 3 Prozent der unteren sozialen Schichten. Umgekehrt schicken die oberen 5 Prozent der US-Gesellschaft jedes fünfte Kind an diese guten Hochschulen. Das heißt also, es besteht schon ganz oberflächlich betrachtet ein Zusammenhang zwischen dem Status einer Hochschule und der Rekrutierung der Studentenschaft. Auf Deutschland übertragen bedeutet das, man müsste, um ernsthaft vergleichen zu können, außer den Universitäten und Fachhochschulen sämtliche Berufsakademien berücksichtigen, man müsste viele Technikerschulen, Krankenpflegeschulen, man müsste wohl auch erhebliche Teile des dualen Ausbildungssystems mit einbeziehen, und wenn man die us-amerikanischen Zwei-Jahres-Einrichtungen noch mitnimmt, müsste man in Deutschland noch Oberstufen an Gymnasien und Fachoberschulen dazu nehmen. Dann kämen wir auch in Deutschland auf andere Relationen, was die Zusammensetzung der Studierenden angeht. Man muss sich die beiden Systeme also wirklich genauer anschauen.

In den 150 us-amerikanischen Spitzen-Hochschulen, die man mit unseren Universitäten vergleichen kann, ist die soziale Zusammensetzung deutlich selektiver als in Deutschland. In Deutschland besuchen etwa zwei Drittel des oberen Drittels der Gesellschaft eine Universität, also es handelt sich da um Kinder aus Akademikerfamilien, aus Familien qualifizierter Angestellter oder Beamter, Unternehmerfamilien usw. In den USA kommen drei Viertel der Studierenden an den erwähnten 150 Hochschulen aus dem oberen Viertel der Gesellschaft, das heißt, diese us-amerikanischen Spitzen-Universitäten sind deutlich selektiver als die vergleichbaren Hochschulen in Deutschland.

An den Elite-Universitäten, Stanford, Harvard, Princeton, Berkeley usw., stammen 80 Prozent aus dem oberen Fünftel der Gesellschaft! Und was noch drastischer ist: Die oberen 2 Prozent der Einkommensbezieher, das sind Familien mit einem Jahreseinkommen von 200.000 Dollar und mehr, stellen mit 20 Prozent der Studierenden fast doppelt soviel Studierende an diesen Universitäten wie die gesamte untere Hälfte der US-Bevölkerung! Das ist ein Maß von sozialer Selektivität, von dem wir in Deutschland noch meilenweit entfernt sind, das aber einen Hinweis darauf ist, in welche Richtung die Entwicklung geht, wenn wir uns mit Studiengebühren am us-amerikanischen System orientieren wollen.

Nun gibt es verschiedene Gründe für die Selektivität. An den Elite-Universität spielen z. B. die Aufnahmeverfahren eine Rolle. Generell für alle Hochschulen gilt aber ein ganz simpler Grundsatz: Je billiger die Hochschule, umso niedriger ist sie im Ranking und umso höher ist der Anteil der Kinder aus der unteren Hälfte oder den unteren zwei Dritteln der Bevölkerung. Die Two-Years Colleges kosten im Durchschnitt 2.000 Dollar pro Jahr. Die gut 2.000 Vier-Jahreseinrichtungen kosten im Durchschnitt 5.000 Dollar pro Jahr mit einer erheblichen Schwankungsbreite. Und die Privatuniversitäten nehmen pro Jahr im Durchschnitt schon 20.000 Dollar. Elite-Universitäten, das hatte ich schon gesagt, verlangen zwischen 30.000 und 35.000 Dollar. Das heißt, die Höhe der Studiengebühren hat einen unmittelbaren Einfluss auf den Zugang zu diesen Institutionen, auf die soziale Zusammensetzung der Studentenschaft. Es überrascht nicht, dass die untere Hälfte der Bevölkerung ihre Kinder dahin schickt, wo es am billigsten ist. Das ist umso verständlicher, wenn man die Entwicklung der Studiengebühren und die Entwicklung der Einkommen berücksichtigt. Und auch dieser Punkt muss skeptisch machen: Die Studiengebühren in den USA haben sich in den letzten 20 Jahren fast verdreifacht, und zwar inflationsbereinigt. Die Real-Einkommen haben sich aber nur um gut 20 Prozent erhöht. Natürlich sagt das nichts über die Verteilung der jeweiligen Einkommen auf die unterschiedlichen Bevölkerungsschichten aus, die unteren drei Fünftel haben in den letzten 20 Jahren fast überhaupt keine Erhöhung der Realeinkommen erfahren. Im Gegenteil gibt es sogar große Bevölkerungsteile, die eine Senkung der Real-Einkommen um zwei bis vier Prozent haben hinnehmen müssen. Deutlich profitiert dagegen haben die oberen fünf Prozent der Bevölkerung, dort gab es eine Steigerung – inflationsbereinigt – von 112.000 auf 164.000 Dollar pro Jahr, und zwar im Zeitraum von 1980 bis 2000. Das ist eine fast fünfzigprozentige reale Steigerung der Einkommen. Dieser Teil der Bevölkerung kann natürlich eine Erhöhung der Studiengebühren problemlos verkraften; das sind 50.000 Dollar, die man real mehr hat, da kann man leicht sagen, okay, damit kann man Studiengebühren in Höhe von 30.000 Dollar zahlen.

Inzwischen gibt es an den US-Hochschulen so etwas wie einen Verdrängungswettbewerb. Weil viele Kinder aus den Mittelschichten sich die teuren Universitäten immer weniger leisten können, drängen sie nach unten in die Zwei-Jahres-Einrichtungen, so dass diese Einrichtungen inzwischen Auslese betreiben können und müssen. Für Kinder aus den ärmsten Teilen der Bevölkerung wird es daher zunehmend schwieriger, überhaupt noch einen Studienplatz zu bekommen, meistens bleibt ihnen nur ein Platz an noch günstigeren aber auch noch schlechteren Two-Years Colleges.

Diese Entwicklung hat sich in den letzten Jahren verschärft, erstaunlicherweise vor allem an den Vier-Jahres-Einrichtungen, die als gute staatliche Universitäten bekannt sind. Dort ist genau das eingetroffen, was ich vorhin schon angesprochen habe: Die Studiengebühren sind immer dann drastisch angehoben worden, wenn die Politik die öffentlichen Mittel gekürzt hat. Am deutlichsten war das in Kalifornien beim Amtsantritt von Arnold Schwarzenegger zu beobachten. Er hatte beschlossen, den kalifornischen Hochschuletat, der etwa 3 Milliarden Dollar betrug, sofort um 400 Mio. zu reduzieren. Im Gegenzug haben die kalifornischen Universitäten eine Erhöhung der Studiengebühren um 40 Prozent angekündigt. Dasselbe passierte z. B. in Virginia, es gab eine ganze Reihe von Bundesstaaten, die zwischen 2002-2004 ihre öffentlichen Mittel um 20 bis 30 Prozent zurückgefahren haben, im selben Atemzug sind die Studiengebühren zwischen einem Drittel und fast 50 Prozent gestiegen. Das heißt, die staatlichen Universitäten haben in den letzten fünf Jahren die stärksten Steigerungen in Bezug auf die Studiengebühren zu verzeichnen, sogar noch stärker als bei den privaten Einrichtungen. Dieser Prozess schreitet im Moment ungebremst fort. Er führt zu dem Verdrängungswettbewerb, den ich vorhin schon angesprochen habe, und zu einer hohen sozialen Selektivität gerade bei den guten und teuren Einrichtungen. Dort studieren vorwiegend Jugendliche aus einkommensstarken Schichten.

Das zweite ist eine Veränderung der Finanzierungsmodalitäten, und auch das sollte gerade in bezug auf Deutschland besonders skeptisch stimmen. Es gab in den USA in den 70er Jahren ein Stipendienprogramm, das damals vorbildlich war. Das Programm nannte sich Pell Grant. Mit einem Pell-Grant-Stipendium konnte man das Studium an einer staatlichen Universität zu über 80 Prozent finanzieren. Diesem Programm sind immer mehr Mittel entzogen worden, so dass man heute selbst mit dem vollen Stipendium von etwa 4.000 Dollar das Studium an einer staatlichen Vier-Jahres-Einrichtung nur noch zu 33 Prozent finanzieren kann, zwei Drittel muss man also auch als Vollstipendiat auf andere Weise finanzieren.

Die beiden reichsten Universitäten Princeton und Harvard haben vor drei bzw. vier Jahren Programme aufgelegt, die Bewerbern aus der unteren Hälfte der Bevölkerung mit Vollstipendien ein Studium ermöglichten. Diese Bewerber mussten überhaupt keinen Darlehensanteil mehr selber tragen. Man wollte das Image der Hochschule verbessern, man wollte stolz darauf verweisen, dass auch Kinder aus den unteren Schichten studieren konnten. Das geschah zu einem Zeitpunkt, als in den USA die untere Hälfte der Bevölkerung gerade noch acht Prozent der Studierenden stellte. Man hat durch diese Programme den Anteil von acht auf 14 Prozent erhöhen können, das ist wirklich ein Erfolg. Aber, und das ist die Einschränkung, man hat es auf Kosten derjenigen gemacht, die aus der Mitte der Bevölkerung stammen. Aus den oberen 20 Prozent der Bevölkerung kommen nach wie vor vier Fünftel der Studierenden oder, um es ganz simpel auszudrücken, man hat jetzt mehr Arbeiterkinder, dafür sind die Kinder von Krankenschwestern, Technikern und Lehrern weniger vertreten. An den großen Relationen hat sich überhaupt nichts verändert, weil die Gebühren und Kosten an diesen Hochschulen für Unterkunft etc. trotz Vollstipendium immer noch außerordentlich hoch sind. Man muss immer noch, wenn man aus unteren Bevölkerungsschichten stammt, über die Hälfte des familiären Jahreseinkommens aufwenden, um einfach diese Kosten tragen zu können, so dass sich an der sozialen Zusammensetzung an den erwähnten Universitäten nichts ändert.

Die Entwicklung in Deutschland wird sicherlich nicht mit der in den USA identisch sein. Dafür ist die Differenz zwischen den hier bei uns beschlossenen 500 Euro und den 30.000 Dollar in den USA zu groß. Es geht mir nur darum, allgemeine Tendenzen aufzuzeigen, und die Tendenzen signalisieren, dass sich der Staat aus der Finanzierung zurückziehen wird, wie in den USA, dass die Studiengebühren die Tendenz haben, schnell zu steigen und dass von einer Kundenbeziehung erst dann ernsthaft die Rede sein kann, wenn Beträge von meiner Meinung nach etwa 10.000 Euro oder mehr pro Jahr erreicht werden.

Nun könnte man sich natürlich darüber hinaus intelligente Modelle vorstellen, die es möglich machen, dass die Studiengebühren sozial „abgefedert“ werden, dass es eben nicht zu einer sozialen Selektion kommt, wie ich sie am Beispiel USA geschildert habe. Es gibt aber leider kein einziges Bundesland, das bisher eines der versprochenen Modelle nur halbwegs zufriedenstellend ausgearbeitet hätte. Die Kreditanstalt für Wiederaufbau – KfW – hat jetzt angeboten, den Studenten Kredite zu geben, aber die Rückzahlungsmodalitäten sind völlig unklar. Dazu kommt, dass finanzielle Zusicherungen für die Hochschulen oft sehr schnell wieder zurückgenommen wurden, bevor überhaupt die Tinte auf dem Papier trocknen kann. Und sehr wichtig ist in diesem Kontext auch die Struktur des Exzellenzwettbewerbes, die leider dafür sorgen wird, dass wir auf Dauer eine Zweiteilung des Hochschulsystems haben werden: Hier eine kleine Anzahl von teuren Forschungsuniversitäten, dort eine große Zahl von mehr oder weniger reinen und billigen Ausbildungsuniversitäten. All das spricht dafür, dass wir in der Tendenz eine Hochschullandschaft bekommen werden, die der in den USA ähnelt. Wir werden keine Studiengebühren von 20.000 oder 30.000 Euro haben, das ist klar, aber mit drei-, fünf- oder sechstausend Euro in den nächsten 10 Jahren müssen wir schon rechnen. Und das ganze System wird sich natürlich nach Studienfächern differenzieren. Es ist durchaus vorstellbar, dass die medizinischen Fakultäten an Unis wie Freiburg, Heidelberg oder München 7.000 Euro nehmen werden, weil die Klientel das auch zahlen kann. Und wer Pädagogik studieren will in Oldenburg, Chemnitz oder Essen, der braucht dazu vielleicht nur 800 oder 1.200 Euro. Diese Entwicklungen, die ich beschrieben habe, halte ich für sehr bedenklich.

Ich würde, auf die Gefahr hin, daß sie mich einen Philosophen schelten, der ich nun einmal bin, sagen, daß die Gestalt, in der Mündigkeit sich heute konkretisiert, die ja gar nicht ohne weiteres vorausgesetzt werden kann, weil sie an allen, aber wirklich an allen Stellen unseres Lebens überhaupt erst herzustellen wäre, daß also die einzige wirkliche Konkretisierung der Mündigkeit darin besteht, daß die paar Menschen, die dazu gesonnen sind, mit aller Energie darauf hinwirken, daß die Erziehung eine Erziehung zum Widerspruch und zum Widerstand ist.
(Adorno, T. W. - Erziehung zur Mündigkeit)



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